30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Kontaktnetz Palästina / Ev. Arbeitsgemeinschaft Westfalen, in Zusammenarbeit mit dem Jerusalemsverein Quelle: AMOS 1 / 1999
Titel: Der jüdisch-christliche Dialog und die Palästinenser-Frage.
Anfragen an die Hauptvorlage 1999 der Ev. Kirche von Westfalen.
 
 
   
 
Kontaktnetz Palästina / Ev. Arbeitsgemeinschaft Westfalen, in Zusammenarbeit mit dem Jerusalemsverein
 
Der jüdisch-christliche Dialog und die Palästinenser-Frage
 
Anfragen an die Hauptvorlage 1999 der Ev. Kirche von Westfalen
 
Schwerte-Villigst, 7. Februar 1999 
 
     
    54 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hat sich die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) vorgenommen, ihr ,,Verhältnis zu Israel,, neu zu bestimmen. Sie hat dazu ein 84seitiges Diskussionspapier (Hauptvorlage) herausgegeben, das in der ganzen Landeskirche bearbeitet werden soll. Das Kontaktnetz Palästina begrüßt diesen breit angelegten Diskussionsprozeß und beteiligt sich daran. Die Hauptvorlage stellt hilfreiche Materialien und viele Anregungen zur Verfügung. Es ist zu wünschen, daß die Gemeinden davon Gebrauch machen. 

Bei näherem Hinsehen erscheint uns allerdings manches zu kurz gegriffen, anderes fragwürdig, einiges sogar irreführend. Unsere Kritik bezieht sich vor allem auf folgende fünf Themen: 

Findet die Kirche ihr Selbstverständnis neu?

1. Die Hauptvorlage will, daß die EKvW ihr Selbstverständnis als christliche Kirche ,,im Angesicht Israels,, (HV - S.1) klärt. Sie kann dies nur tun, indem sie von ihrer eigenen Geschichte, von ihrer eigenen Schuld gegenüber den Jüdinnen und Juden und von ihrer eigenen Hoffnung spricht. 

2. Die Hauptvorlage versucht demgegenüber, auch jüdische Theologie zur Geltung zu bringen. Bei der vorgeschlagenen Ergänzung der Grundartikel führt dies zu einer unangemessenen Vereinnahmung jüdischer Glaubensaussagen in ein christliches Bekenntnisdokument. 

3. Jüdische Glaubensaussagen müssen deutlich als solche gekennzeichnet werden, ebenso muß differenziert werden zwischen den unterschiedlichen theologischen Richtungen des Judentums. 

4. Die Aussagen in bezug auf Israel dürfen das palästinensische Volk weder verletzen noch von der gemeinsamen Hoffnung auf Versöhnung und Gerechtigkeit ausschließen. Die ökumenische Verbundenheit mit den christlichen Gemeinden Palästinas muß dabei vertieft und darf keinesfalls gefährdet werden.

5. Daher muß über den jüdisch-christlichen Dialog hinaus auch das Gespräch mit Musliminnen und Muslimen gesucht werden (Trialog der abrahamitischen Religionen).

Zwei Wege zu Gott? 

1. Die Begegnung mit dem Judentum ist bereichernd. Wir lernen Jesu Judesein neu kennen. Wir geben uns in diesem Dialog als Christinnen und Christen zu erkennen. Würden wir unser Bekenntnis zu Christus verschweigen oder undeutlich werden lassen, käme es zu keiner echten Begegnung. 

2. Einerseits will die Hauptvorlage zum Ausdruck bringen, daß Christinnen und Christen in Jesus von Nazareth das ,,alles verändernde und erneuernde Handeln Gottes,, erkennen. Er ist ,,das Heil der Menschheit,, (HV - S.37). Dieses Bekenntnis stimmt mit der 1. These der Theologischen Erklärung von Barmen überein (HV - S.38). 

3. Andererseits behauptet die Hauptvorlage, daß es zwei Wege zu Gott gibt. Sie spielt die Erwählung durch Gott aus gegen das Evangelium von Jesus Christus (HV - S.44, vgl. S.5o). Erwählung ist für die Bibel Zusage und Hoffnung. Sie findet ihren Haftpunkt allein in Gottes Geheimnis. Erwählung kann nicht als unverlierbarer Besitz dem Evangelium von Jesus Christus gleichberechtigt gegenübergestellt werden. Darum ist die Wendung ,,bleibende Erwählung,, mißverständlich und sollte vermieden werden. 

4. Ein möglicher Sonderweg für Jüdinnen und Juden - an Jesus Christus vorbei - ist der Bibel nicht zu entnehmen. Die entgegengesetzte Behauptung der Hauptvorlage ist eine Verleugnung Christi als Heil der Welt.

5. Dieses Bekenntnis ist für Christinnen und Christen verbindlich. Den Respekt vor anderen Bekenntnissen gebietet die Liebe Gottes zu allen Menschen und die Achtung ihrer Würde.

Was ist mit Israel gemeint? 

1. Israel ist nicht gleich Israel. Der Begriff ,,Israel,, wird in der Hauptvorlage in unterschiedlicher Bedeutung verwendet, z.B.:

· theologisch: Volk, Land, Synagoge

· ethnisch: das Judentum der alttestamentl. Zeit, der 

· neutestamentl. Zeit und der Gegenwart 

· politisch: heutiger Staat Israel

2. Diese Bedeutungen sind nur mühsam aus dem jeweiligen Textzusammenhang der Hauptvorlage zu erschließen. Darüber hinaus bleibt an mehreren Stellen die Verwendung des Begriffes ,,Israel,, undeutlich. Dieser undifferenzierte Gebrauch des Begriffes provoziert Mißverständnisse. Sogar Diskriminierungen sind nicht ausgeschlossen. 

· Ein Beispiel aus dem heutigen Israel/Palästina: Immer wieder kommt es vor, daß die biblische Landverheißung Gottes an ,,Israel,, direkt auf den heutigen Staat bezogen wird, um damit gegen das Existenzrecht von Palästinenserinnen und Palästinensern in Israel/Palästina zu argumentieren.

2. Nur durch eindeutigen Sprachgebrauch wird vermieden, daß Glaubensaussagen (wie die Landverheißung) für politisches Anspruchsdenken mißbraucht werden können. Für die Beschlußvorlage fordern wir eine sensible und eindeutige Sprache. Auch die Palästinenserinnen und Palästinenser sind davon überzeugt, daß Gott ihnen das Land gegeben hat. Der Rückgriff auf religiöse Ansprüche für eigene politische Ziele mißachtet geschichtlich gewachsene Gegebenheiten und gefährdet das friedliche Zusammenleben. 

Sind Menschenrechte teilbar? 

1. Die Hauptvorlage weist gerade in dem Abschnitt ,,Folgerungen für die Kirche in ihrem politischen Handeln,, eine Enge und Einseitigkeit auf, die klar benannt und korrigiert werden muß. Die Hauptvorlage muß sich an dem von ihr selbst formulierten Maßstab messen lassen. Sie schreibt der Kirche die Aufgabe zu: ,,... Ausgrenzungsprozessen entgegenzuwirken, für die Wahrung der Menschenrechte einzutreten und statt der Abgrenzungen das Verhältnis zwischen den verschiedenen Teilen einer pluralen Gesellschaft zu fördern.,, (HV - S.80)

2. Dies geschieht nicht, wenn der komplexe israelisch-palästinensische Konflikt außen vor gelassen wird (vgl. HV - S.79). Dem widersprechen wir deutlich. Dieser Themenbereich muß einbezogen werden.

3. Daß die Entstehung und Zuspitzung dieses Konfliktes Wurzeln hat, die auch in unsere deutsche Geschichte hineinreichen, wird übersehen. Die Hauptvorlage hat nicht den Mut, sich im israelisch-palästinensischen Konflikt um aller Menschen willen, die dort leben, eindeutig zu äußern. Das wäre allenfalls verständlich, wenn es sich um einzelne Fälle von Menschenrechtsverletzungen handeln würde. Die evangelische Kirche darf aber nicht schweigen zu systematischen, von der israelischen Regierung geduldeten und z.T. sogar bewußt herbeigeführten Verletzungen der Menschenrechte von Palästinenserinnen und Palästinensern. Folter, Mißhandlungen, Rechtsentzug, Deportationen, Zerstörung und Versiegelung von Häusern, Sippenbestrafung, Landenteignung, Entzug der Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit, Schließung von Bildungseinrichtungen und die Tötung und Mißhandlung von Kindern lassen sich nicht bagatellisieren.

4. Menschenrechte sind unteilbar. Die Hauptvorlage nimmt durch ihre Schwerpunktsetzung aber de facto eine Teilung vor. Die Forderung nach dem Einsatz für Menschenrechte wird in der Hauptvorlage nur angewandt im Blick auf das jüdische Volk. Das Zitat: ,,Die Kirche sieht ihre besondere Verantwortung für die Unantastbarkeit jüdischen Lebens,, (HV - S.79) unterstreicht diese bewußte Eingrenzung. Dadurch erweist sich die Hauptvorlage als eine politisch einseitige Schrift, weil sie gleichzeitig das palästinensische Leid verschweigt.

5. Der Versuch, Geschichte aufzuarbeiten, darf nicht dazu führen, erneut Schuld auf sich zu laden, heute zum Unrecht zu schweigen und Menschenrechtsverletzungen hinzunehmen, diesmal nur unter anderem Vorzeichen in einer anderen politischen Konstellation. 

Wo bleibt die Ökumene? 

Die Hauptvorlage fordert eine ,,innerbiblische Ökumene,, (HV - S.28). Diese soll auf ein Fundament ,,innerevangelischer,, sowie ,,innerchristlicher,, Ökumene-Erfahrungen gesetzt werden, das aber in der Hauptvorlage nicht vorkommt. Im Gegenteil: Mit dem den entsprechenden Texten zugrundeliegenden Ökumene-Verständnis fällt die Hauptvorlage zurück in die Zeiten eines ansonsten überwundenen Missionsbegriffs (HV - S.24). Dieser wurde in einem Jahrzehnte dauernden Verständigungsprozeß verändert zu einer emanzipatorischen Praxis von Mission, Ökumene und Weltverantwortung. Ziel ist das gemeinsame ökumenische Lernen und Haushalten in der Einen Welt. Die auf diesem schwierigen Weg errungenen Erfahrungen geschwisterlicher Partnerschaft und die entstandenen, mit Leben erfüllten ökumenischen Beziehungen werden ignoriert und mißachtet - eine Verletzung und z.T. sogar Diskriminierung der beteiligten Christinnen und Christen und der ökumenischen Bewegung.

1. Die innerevangelische Ökumene wird von der Hauptvorlage nicht in den Blick genommen. Sie verzichtet auf die Kompetenz von Christinnen und Christen verschiedener Kontexte - so z.B. im Bereich des Weltgebetstags der Frauen (1994 aus Palästina), in dessen Verlauf u.a. die evangelischen Frauenverbände sich intensiv auch mit dem Verhältnis von Christen und Juden auseinandergesetzt haben. Das in der Hauptvorlage nun erneut sichtbare Ausgrenzen der palästinensischen evangelisch-lutherischen Christinnen und Christen in den Gemeinden der Ev.-Luth. Kirche Jordaniens (ELCJ) zeigt die Unfähigkeit zur Geschwisterlichkeit selbst in diesem engen - innerevangelischen - Rahmen.

2. Die innerchristliche Ökumene wird von der Hauptvorlage ebenfalls ausgeklammert. Damit gehen auch dem Nachdenken über die Beziehung zum Judentum die vielfältigen Erfahrungen in bereits gewachsenen Strukturen einer vereinigten Kirche Jesu Christi verloren. Diese hat an vielen Orten der Welt Kompetenzen entwickelt, wie Gerechtigkeit und Frieden thematisiert und praktiziert werden können. Zu diesen Kompetenzen sind z.B. jene des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) ebenso zu zählen wie jene des Mittel-Östlichen Rates der Kirchen (MECC - Middle East Council of Churches).

3. Die innerbiblische Ökumene, das erklärte Ziel der Hauptvorlage, erschöpft sich offenbar im Nachdenken über das Verhältnis zwischen Christen und Juden. Sie darf jedoch keinesfalls vorbeigehen an der Erkenntnis, daß in diesem Schritt Klärungsprozesse zwischen allen drei monotheistischen abrahamitischen Religionen nötig sind. 

Das Kontaktnetz Palästina plädiert dafür, die Grundartikel der Kirchenordnung nicht zu verändern. Gegebenenfalls sollte das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk in dem entsprechenden Artikel der Kirchenordnung ( § 3) beschrieben werden. 

Schwerte-Villigst, 7. Februar 1999 

Kontaktnetz Palästina

Evangelische Arbeitsgemeinschaft Westfalen in Zusammenarbeit mit dem Jerusalemsverein e.V.

Vorsitzender: Pfarrer Volker Kuhlemann 

An der Stiftskirche 13 - 32278 Kirchlengern 

   
 
 
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