30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Viktoria Waltz Quelle: AMOS 4 / 1998
Titel: A-B-C - buchstabiert im `Heiligen Land'  
Notizen über Autonomie, Besetzung und CO2 

Pali und Isi: 
Congratulation für Friedhelm Schrooten 

Pali und Isi:  
Unbestimmte Feststellungen

 
 
   
 
Viktoria Waltz
 
A-B-C - buchstabiert im `Heiligen Land' 
Notizen über Autonomie, Besetzung und CO2
Der Jubel bleibt im Halse stecken.
Pali und Isi:
Congratulation für Friedhelm Schrooten
Pali und Isi: 
Unbestimmte Feststellungen
 
     
   
 
A-B-C - buchstabiert im `Heiligen Land' 
Notizen über Autonomie, Besetzung und CO2
Der Jubel bleibt im Halse stecken.
  
Jubel! Palästinensische Dörfer befreit von israelischer Besetzung. Ein Stückchen mehr Souveränität, mehr Bewegungsraum? Nie mehr Hauszerstörungen und Vertreibungen? Etwas mehr wirtschaftliche und soziale Sicherheit, Wohnungen, Straßen...? Wird sich an der Wasserknappheit etwas ändern? Der Rückzug beginnt in Jenin, wo im Sommer gar kein Wasser ist, während die Colons im Swimmingpool baden. Auf der alten Karte ist Jenin's Umgebung Zone B, der einzige C-Flecken darin: Wasser. Die Lage der Zonen C liest sich wie eine Karte  

a l l e r Wasserressourcen, über die die Westbank verfügen könnte. 

Festnahmen... 

Anabta, ein großes Dorf zwischen Nablus und Tulkarem, von B nach A! Aber Land und Bauernhäuser am Rande von Anabta sind noch in C. Seit dem Abzug vor drei Tagen werden alle Wagen, die aus A kommen, streng kontrolliert, junge Leute herausgefischt, mitgenommen - wohin? 

A-B-C - wie buchstabiert man das hier? A wie beinahe `Autonomie'. B wie weiterhin `Besetzung' und C wie CO2, die Luft zum Atmen, nur für Israelis. C ist darüber hinaus überall dort, auch in B, wo sich ein Jeep hinstellen und eine `Sicherheitskontrolle' durchführen läßt. So geschehen vor zwei Wochen. Ein Checkpoint auf der Straße von Ramallah zur 5 km nördlich gelegenen kleinen christlichen Universitätsstadt Bir Zeit - ein Bus voller Studenten auf dem Weg zur Uni. Er wird angehalten, zwei Soldaten steigen zu und zwingen den Fahrer - begleitet vorn und hinten durch je einen Jeep -, nach Beit El zu fahren: Zone C, am Ausgang Ramallahs, Groß-Kolonie, Militär- und Geheimdienstzentrum. Die Studierenden werden stundenlang festgehalten, Identität überprüft, einige verhaftet, die restlichen auf die Straße gesetzt. Der Bus ist längst weggefahren. ,,Kann man nichts gegen solche Willkür tun?`` ,,Wo denn, gegen wen? In Zone C haben die Israelis vollständige Hoheit, und was sie dort tun, dient immer der Sicherheit.``  

Landnahmen... 

Dennoch: ,,Why Plantation`` läßt hoffen - nur, wie lange? Sharon hat die Colons ermuntert, a l l e Hügel des Landes zu besetzen. ,,Why Not Plantation? `` Und sie machen es wahr. Seit 2 Wochen stehen 8 Container auf dem Land der Familie meiner Kollegin - der Beginn einer neuen Kolonie am Rand des Dorfes Kufr Labad in der Nähe von Tulkarem, seit heute `A'. ,,Ihr habt doch Eigentumsdokumente! `` ,,Nützt nichts.`` - wie in Salfid im Nordwesten. Seit Jahren führen alle umliegenden Dörfer den Kampf um ihr Land, besetzt durch Ariel, größte Kolonie der Westbank-Region. Das angerufene Militärgericht entschied, die Colons bauen widerrechtlich auf den Olivenfeldern Salfids. Aber den Colons droht kein Abriß, anders als Hunderten palästinensischen Hausbauern, die ohne Genehmigung bauen mußten, um Wohnraum zu schaffen. Ariel hat 

j e t z t den Status einer `Stadt'. Damit kann die Verwaltung rechtlich gesichert `aus planerischen Gründen' enteignen. Ariel ist Ausgangspunkt einer Autobahn, die die Westbank einmal quer durchschneidet, ergänzt durch ein Band kleiner Kolonien. Projekt `Bantustan'?  

Wurzelnahmen... 

In der letzten Woche fuhren wir nach Nablus, um ein Wohnungsprojekt anzuschauen. Noch wurden die letzten Oliven geerntet. Auf der Rückfahrt trauen wir unseren Augen kaum. Fast einen Kilometer lang sind hunderte Olivenbäume rechts der Straße ausgerissen. Planierraupen haben das Gelände geebnet für eine neue Beipaßstraße zu einer Nachbarkolonie von Shilo. So geht das fast jeden Tag - von Jenin, Nablus, Ramallah, Jerusalem, Beithlehem bis Hebron und Gaza. ,,The roots of the people of Israel are in the land of Beit El, Shilo, Betar and Hebron. And not only will these roots not be turn out, they will be made deeper `` (Netanyahu 12.12.96).  

Existenznahmen... 

Ist es da ein Wunder, wenn niemand diesem Prozeß wirklich traut, wenn Planung, Logik, Enthusiasmus und Motivation den Menschen immer mehr abhanden kommen und mehr und mehr Menschen vor allem danach trachten, irgendwie das Überleben der eigenen Familie zu sichern?  

In Palästina herrscht Armut. Ein Bericht des Planungsministeriums vom letzten Jahr spricht von verbreiteter Armut unter der Gesamtbevölkerung um 3o %, in den Flüchtlingslagern sogar von 5o % - und meint Familien, deren monatlich verfügbare Summe unter 500 $ liegt. 500 $ sind viel? Nicht für jene, die kein Land haben - und generell zu wenig, da alle Waren so teuer sind wie in Europa, der Lohn aber nicht. Ein Ergebnis der Abhängigkeit vom israelischen Markt und doppelter Besteuerung.  

In der Region Gaza lebt noch ein Drittel der Bevölkerung in Flüchtlingslagern, gebaut für ein Zehntel der heutigen Bevölkerung, in unbeschreiblicher Dichte - 3 Personen pro Raum - und unter äußerst ungesunden Wohnbedingungen. 

Wohnungsnahmen... 

Wohnung ist ein zentrales Thema von Armut und Mangel. Deshalb bin ich hier. Was müßte nicht alles klar sein, um die Wohnungsfrage zu entschärfen! Es fehlt eine annähernd realistische Bevölkerungsprognose, vielleicht beginnt wieder eine große Auswanderungswelle? Land ist knapp, aber wer kann sagen, wann die Colons das Feld räumen werden? Planungsgrundsätze und Regeln fehlen. Zur Zeit stehen die Chancen gering, ein größeres Projekt oder einen Regionalplan in der Westbank zu verabschieden, wenn bei Planungen B- und C-Zonen zu berücksichtigen sind, die Pläne einem gemeinsamen Komitee vorgelegt werden müssen und Israel die Zustimmung meist versagt. Geld fehlt auch, so bleibt nicht viel übrig als die Akzeptanz von Projekten der `Doner', der Geber, und die schlaue Nutzung des veralteten Gesetzeswirrwars aus osmanischem, englischem Mandats- und israelischem Militärgesetz - kein guter Rahmen. 

Dorfnahmen...  

Die Frage bleibt an Israel: Warum das alles? Es gibt nur diese Chance, mit den Palästinensern im Handel `Land gegen Frieden' zu einer Übereinkunft zu kommen. Wie kann Israel glauben, durch Fortsetzung der Politik struktureller Gewalt - Fakten-Schaffen: Enteignen, Bebauen und Besiedeln - je Sicherheit zu erlangen? Auch in weiteren 50 Jahren werden die Palästinenser nicht vergessen können, daß mit Gewalt Majdal in Ashkelon verwandelt, fast 400 Dörfer seit 1947 zerstört und ihre Namen getilgt wurden. Von vielen Teilen der Westbank und Gazas sind die Orte, die Ebenen und Felder zu sehen, aus denen die Flüchtlinge damals vertrieben wurden. Arafat's Zeit und sein Einfluß sind begrenzt. Er war und ist noch bereit. 

In unserem Namen...? 

,,Warum spielt Ihr das Spiel mit?`` , fragt mich mein palästinensischer Kollege. ,,Euer Geld geht doch indirekt in die Kolonien und die Repression. Wo Israels normaler Haushalt durch Euch entlastet wird, geht das Geld in Kolonien, Straßen und Plantagen - auf unserem Land. Was ist das für eine Wiedergutmachung? Ihr habt das Verbrechen an den Juden begangen, und wir zahlen dafür mit unserem Blut, unserem Leben, unserem Hab und Gut? Welche Logik steckt dahinter? Weil wir nur Araber sind? Sind wir nicht Menschen wie Ihr - Christen oder Muslime - mit einem unteilbaren Anspruch auf Würde und Menschenrechte wie Ihr? Werdet Ihr Beithlehem, Nazareth, Jerusalem 2.000 feiern - und Palästina dem fortdauernden Krieg überlassen? Begreift doch endlich, daß das Projekt Israel von Anfang an auf gestohlenem Grund gebaut wurde und sich niemals `sicher' fühlen wird - es sei denn, es will wirklich Versöhnung. Wir sind bereit. Es liegt auch an Euch Deutschen, den von allen ersehnten Frieden im Nahen Osten zu erreichen. Verwechselt Eure Aussöhnung mit dem Judentum nicht mit Loyalität zu Israel als Staatsmacht. Und schürt nicht eine neue Feindschaft mit den Muslimen. Palästina braucht Eure moralische und politische Hilfe.``  
 

     
     
   
 Pali und Isi:
Congratulation für Friedhelm Schrooten
  

Pali und Isi sitzen am Meer von Djehenna Land -  

starren auf die untergehende Sonne.  

Der eine sagt: Meine Vorfahren kamen aus dem Westen (und er meint Europa). 

Der andere sagt: Unsere Vorfahren kamen aus dem Westen (und er meint Kreta). 

Der eine sagt: Unsere Wurzeln liegen in Kanaan.  

Der andere sagt: Unsere Wurzeln liegen in Canaan. 

Der eine sagt: Das Land, wo Milch und Honig fließen, wie uns die Tora versprochen.  

Der andere sagt: Das Land, wo Halib und Assal fließen, wie das Buch versprochen. 

Der eine sagt: Die Philister waren doch falsche Hunde. 

Der andere sagt: Die Hebraeer waren doch elitäre Schweine. 

Der eine sagt: Prophet Moische hat schon alles gewußt. 

Der andere sagt: Nabi Moussa hat es vorausgesehen.  

Der eine sagt: Die Katastrophe wird kommen - so sagt die Tora. 

Der andere sagt: Viel Blut wird fließen - so sagt das Buch. 

Und die Sonne färbt das Meer rot.  

Der eine fragt: Wie viele Kinder hast Du, Ismail? 

Der andere antwortet: Sieben Töchter und einen Sohn. 

Der andere fragt: Wie viele Kinder hast du, Samuel? 

Der eine antwortet: Sieben Söhne und eine Tochter. 

Der eine sagt: Niemals werden meine Söhne eine Schickse heiraten. 

Der andere sagt: Niemals werden meine Töchter einen Kaffern heiraten. 

Der Himmel und das Meer sind nun blutrot.  

Der eine fragt: Wie geht es Miriam? Und er denkt an seine Familie. 

Der andere fragt: Wie geht es Miryan? Und er denkt an seine Kinder. 

Als der Himmel, das Meer und die Palmen in Flammen stehen, sagen beide: 

Du und ich, wir könnten unser Land gemeinsam in ein Paradies verwandeln. 

Anmerkung für NichtkennerInnen: Bibel, Tora, Buch - alles eins.  
 

     
     
   
 Pali und Isi: 
Unbestimmte Feststellungen
  

Pali auf dem Weg von Gaza (Gaza) 

nach Ramallah (Westbank) 

durch Isi-Land 

Wenn ich von meinem Land durch mein Land in mein Land reisen möchte, muß ich Isi um Genehmigung bitten. 

Ramallah? Inshallah! 

Auf jeden Fall sind die Alamaniyeen auf unserer Seite: gut gefedert, sicher, 6 Türen, 7 Landsleute zur Unterhaltung, das ist Mercedes!  

Schnapp, schnapp, schnapp, schnapp, schnapp, schnapp, schnapp - Gurte zu! Wir sind in Isi-Land. 

5 Grenzen sind zu passieren: Pali-Grenze in Erez  

(freundliche Beinahe-Staatsgrenze), Isi-Grenze in Erez (unangenehme Jungs, viele Waffen und viel Langeweile), Isi-Grenze in Pali-Land, noch aber C (sehr genau und unangenehm), Isi-Grenze in Pali-Land, aber zu B (ebenso unangenehm), Pali-Grenze, also von B zu A (meist ist keiner da oder sie pflanzen gerade Blumen oder streichen die Öltonnen weiß, rot, grün, schwarz). 

Die Grenze zu C ist überall dort, wo sich ein Jeep hinstellen und ein Scheckpoint aufstellen läßt, in B und in C.  

Verstehst Du das A,B,C? A wie Autonomie. B wie immer noch Besatzung. C wie CO2 - die Luft zum Atmen (für Isi) und das lebensnotwendige Wasser; nur: all unsere Wasserressourcen liegen in C!  

Wie hier die Baumwolle wächst! Das gab's früher nicht. Die braucht ja auch wahnsinnig viel Wasser. 

Wußtest Du, daß jeder Isi mehr als 200 l Wasser täglich schluckt - wir aber nur 20! Das nenn' ich ökologisch und nachhaltig!  

Siehst Du die uralten Palmen, siehst Du die Mauer aus Kakteenbüschen mit den reifen Früchten? Die Reste einer alten Kultur, die vor 50 Jahren ausgerottet werden sollte. 

Guck mal, wie effizient die sind, neue Straßen und neue Städte in nur einem Jahr, hier ist Mudi'in. Das sollten wir mal nachmachen!  

Einträchtig fahren wir so dahin auf unseren Straßen, Isi mit der gelben Nummer, Pali mit der grünen, ihr Geheimdienst mit der schwarzen und unsere Regierung mit der roten; dann trennen wir uns, nach Pali-Land in A ohne Isis, nach Isi-Land in C ohne Palis.  

Wir sind bald da, erreichen die A-Grenze, Pali-Land, schnipp, schnipp, schnipp, schnipp, schnipp, schnipp, schnipp - endlich frei. Wenn wir in Ramallah sind, gehen wir zuerst einmal zu Rukab Eis essen.  
 

     
    Autoreninfo: 

Dr. Viktoria Waltz, Planerin, ist z.Zt. Beraterin im Wohnungsbau-Ministerium der Palestinian National Authority in Gaza und Westbank als sog. Integrierte Expertin im CIM-Programm der Bundesregierung. Sie lebt sonst im Ruhrgebiet und arbeitet als Dozentin für Planung an der Universität Dortmund.

   
 
 
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