30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Mitri Raheb Quelle: AMOS 1 / 1998
Titel: Theologie im palästinensischen Kontext  
 
 
 
 
   
 
Mitri Raheb
Theologie im palästinensischen Kontext
  
Ein Vortrag in Bethlehem
  
Datum: 11. Juni 1997 
Ort: das Internationale Begegnungszentrum in Bethlehem an der Weihnachtskirche. In dieser Kirchengemeinde, die zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und Palästina gehört, ist Dr. Mitri Raheb Pfarrer.
 
     
    Obwohl er krank von einer Reise zurückgekommen war und am Vorabend absagen mußte, spricht er nun mit uns (TeilnehmerInnen am Pastoralkolleg ,,Galiläa und Bethlehem... `` der Ev. Kirche von Westfalen) über Bedingungen und Perspektiven, über Fragen und neue Überlegungen und Einschätzungen einer Theologie im palästinensischen Kontext. Da diese sich immer neu auf die ständig sich verändernden gesellschaftlichen, politischen und auch ökonomischen Situationen in Palästina/Israel einstellen muß - sie lebt von und mit der theologischen Reflexion dieser Situation -, deshalb ist - so Raheb - ,,kontextuelle Theologie immer im Prozeß, sie ist nie Stillstand, sie ist bewegt und beweglich.`` Und dann berichtet er von vier Beobachtungen bzw. Überlegungen, die (stark gekürzt nach einem Tonband-Mitschnitt) im folgenden wiedergegeben werden. Weert Hüttmann  

1. Die erste Beobachtung: In der kontextuellen Theologie haben wir - wie auch bei der Befreiungstheologie und der Schwarzen Theologie z.B. - das prophetische Erbe sehr betont und unterstrichen. Ein wichtiger Auftrag der Kirche war stets, prophetisch zu sein. Kirche steht in der Tradition der Propheten. Aber was meint man eigentlich damit? Ich denke mir, daß damit vor allem drei Aufgaben der Kirche gemeint sind: 

- Die erste ist, was ich das Visionäre nenne. Ein Teil der prophetischen Theologie ist die Vision einer gerechteren Welt. Davon zu reden, davon zu predigen - diese Vision war immer wichtig.  

- Der zweite Auftrag, der aus der prophetischen Tradition stammt, ist das, was ich Gerichtsurteil nenne: d.h. das Gericht Gottes ankündigen dort, wo Unrecht geschieht. Dazu gehört auch, vor Unrecht zu warnen. Z.B. auf heute übertragen, davor zu warnen, daß der sich zwischen Israel und Palästina zuspitzende Nord-Süd-Konflikt die Region ins Verderben führen wird. 

- Eine dritte Eigenschaft der prophetischen Tradition ist der Versuch, von den Machthabern Gerechtigkeit einzufordern oder jedenfalls die Wahrheit statt der üblichen Heuchelei. 

Diese drei Charakteristika scheinen bis jetzt ausreichend. Ich bin heute skeptischer, ob die prophetische Tradition so verstanden genügt. Ich frage mich zum Beispiel: Was nützen große Visionen von einer Zwei-Staaten-Lösung angesichts der Erfahrung, daß das Land hier auf ein Apartheid-System zugeht? Was nützt es, so viele Erklärungen von Kirchen zu erstellen in einer Zeit, in der die Bulldozer am Werke sind? Gibt es eigentlich eine Theologie - oder sind wir überhaupt als Christen fähig, eine Theologie zu entwickeln -, die in der Lage ist, Bulldozern entgegenzustehen? Oder begnügen wir uns mit Visionen, die aber jeden Tag an Bedeutung verlieren? Es reden immer noch Leute von einer Zwei-Staaten-Lösung, obwohl die Zeit für solch eine Lösung meiner Meinung nach inzwischen fast abgelaufen ist. Oder: Was nützt es, davor zu warnen, daß das ganze Land in den Abgrund stürzen wird? Genügt es, im Nachhinein zu sagen: Wir haben prophetisch geredet und hatten doch recht! Ist es genug, recht zu behalten?  

1. Die zweite Frage, die ich habe - und da muß ich natürlich etwas vorsichtig sein, wenn ich mit deutschen Theologen rede, aber leider kann ich aufgrund des veränderten Kontextes nicht mehr so vorsichtig sein wie noch vor drei, vier Jahren -: Es gab in den letzten vierzig Jahren in der Theologie den Trend, die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament zu unterstreichen und die enge Verbindung zwischen Judentum und Christentum immer wieder zu betonen. Und aufgrund des damaligen Kontextes kann ich das verstehen - es gibt auch eine Kontinuität.  
 
Über die Diskontinuität aber hat man sich bis jetzt wenige Gedanken gemacht. Mir scheint, daß gerade in Deutschland einige Theologen, die sich im Bereich des christlich-jüdischen Dialogs besonders engagiert haben, eine ideale Vorstellung vom Judentum entwickelt haben, die keine reale Basis hat und außer in den Büchern von Marquardt und anderen Theologen - und dadurch auch bei neuen Generationen von Theologen - nicht existiert. Oft ist der ,,Dialog`` nur ein innerchristlicher Monolog. Außer einigen wenigen beteiligen sich kaum Juden an diesem Dialog. Und wen repräsentieren diese Leute? Diese wenigen Dialogpartner repräsentieren keine breitere Strömung. Dennoch hat sich in Deutschland eine Art Mythos vom christlich-jüdischen Dialog entwickelt.  
 
Durch die neue politische Konstellation in Israel mit einem Parlament, in welchem 28 von 120 Sitze von rechtsreligiösen Parteien besetzt sind, ist eine bisher weitgehend unbekannte Gruppe von Juden stärker in den Blickpunkt getreten . Diese extremen nationalistisch-jüdischen Gruppierungen und das Judentum, wie es sich in den Arbeiten von christlichen Theologen darstellt, sind auf keinen Nenner zu bringen. Man muß sich vorstellen, daß diese 28 rechtsreligiösen Abgeordneten, die im Parlament sitzen, und die Leute, die sie gewählt haben, 25 Prozent aller israelischen Bürger sind. Wenn man nur die jüdischen Bürger nimmt, wäre diese Prozentzahl noch höher, weil die palästinensischen israelischen Bürger allein schon etwa 18 Prozent der israelischen Bürger ausmachen. Es handelt sich also bei den Rechtsreligiösen um die Vertreter eines Drittels aller jüdischen Bürger in Israel. Was heißt es eigentlich für unseren Dialog, daß ein Drittel aller Juden hier im Land diese rechtsreligiösen jüdischen Parteien gewählt hat und dieses Drittel aller Juden an einem Dialog mit Christen nicht interessiert ist? Das ist der erste Punkt dieser Frage.  
  
Der zweite Punkt ist: Wenn die meisten dieser Parteien im Moment für ein Apartheidsystem eintreten - ob es sich nun um Versuche handelt, den Siedlungsbau oder bestimmte religiöse Gesetze in die Tat umzusetzen, oder darum, den Felsendom in die Luft zu sprengen und stattdessen wieder einen Tempel aufzubauen: Das können wir mit unserem Bild vom Judentum überhaupt nicht verbinden. 
 
Es ist dringend notwendig, daß idealisierte Vorstellungen vom Judentum und daraus erwachsene Mythen zugunsten eines realen, das ganze Spektrum des Judentums einschließenden Bildes aufgegeben werden.  
 
Viele Geschichten der Bibel bekommen eine ganz neue Bedeutung, wenn sie im palästinensischen Kontext ausgelegt werden. Eine zentrale Geschichte in diesem Zusammenhang ist die von Jesus und der Samaritanerin im Johannes-Evangelium (Joh. 4). Damals wie heute gibt es eine Umgehungsstraße, damit man nicht durch die ,unreinen Gebiete` fahren muß, also möglichst nicht mit der dortigen Urbevölkerung in Verbindung kommt. Wenn damals ein Jude von Jerusalem nach Galiläa fahren wollte, mußte er über Jordanien fahren, also eine Umgehungsstraße benutzen. Das ist ein Apartheidsystem - aber 2000 Jahre vor der Aufklärung. In diesem Kontext muß man das lesen. Und Jesus sagt: Nein, ich mache das nicht mit - und fährt bewußt durch Nablus, durch Sichem, durch Samaria, und er erlebt dort eine der schönsten Begegnungen, die es gibt.  
 
Wir müssen Theologie viel nüchterner - und verantwortungsvoller - betreiben. Darüber ist bisher meiner Meinung nach noch nicht genügend nachgedacht worden.  

Über unsere Beziehung zum Judentum müssen wir neu nachdenken. In Oslo traf ich kürzlich einige orthodoxe Juden, die überhaupt nicht an einem Dialog mit Christen interessiert waren. Sie waren gerne zu haben für einen Dialog mit Muslimen, aber auf keinen Fall mit Christen. Wir haben bisher nicht darüber nachgedacht, was das für uns bedeutet.  

Vor vier Tagen war ich in Washington mit einem der meiner Meinung nach interessantesten jüdischen Theologen zusammen: Marc Ellis. Er kommt aus der Reformtradition und hat über jüdische Befreiungstheologie zwei Bücher geschrieben. In Deutschland ist er verpönt, weil er nicht das sagt, was die Leute dort hören wollen. Er ist der einzige mir bekannte jüdische Theologe, der genuin an einem jüdisch-christlichen Dialog interessiert ist. Mit Ellis reden die Theologen des christlich-jüdischen Dialogs in Deutschland nicht. Solche Theologen haben es schwer. Die jüdische Lobby in den Vereinigten Staaten war hinter ihm her, bis er alle seine Ämter verloren hatte. Er ist seit zwei Jahren arbeitslos, obwohl er einer der besten Theologen ist. Und das ist kein Einzelfall.  

 
1. Es wundert mich, daß wir als Christen den Islam erst so spät als theologische Herausforderung ernstgenommen haben. Mir scheint, daß der christlich-muslimische Dialog eine der wichtigsten Aufgaben im nächsten Jahrhundert sein wird. Man beginnt, sich der Frage des Islams anzunähern, aber das geschieht bislang eher folkloristisch. Ich glaube, was der Islam wirklich an großer theologischer Herausforderung bringt, wird bislang noch nicht richtig bedacht. Der Islam hat, was sein Verhältnis zum Christentum betrifft, zwei Momente: ein das Christentum bejahendes und ein das Christentum kritisch hinterfragendes Moment. Viele Leute haben Ersteres hervorgehoben, andere haben versucht, die Gegensätze zwischen Islam und Christentum in den Vordergrund zu stellen; ich glaube aber, daß nicht versucht wurde, beides positiv aufzufangen. So wie das Christentum sich seiner jüdischen Wurzeln bewußt sein muß, muß es sich auch mit seiner Wirkungsgeschichte, zu der der Islam gehört, auseinandersetzen.  

4. Kontextuelle Theologie muß heute in einer sich rasch verändernden Welt die Frage nach der Identität stellen: Was ist meine, was ist unsere Identität, und wie kann das Evangelium identitätsprägend sein? 

Eine wichtige Frage z.B. ist die, wie es dem Islam möglich war, vielen Leuten ein Gefühl der Identität zu bringen - dort, wo wir als Christen zum Teil gescheitert sind? Wenn wir den Islam wirklich ernstnehmen wollen, dann müssen wir diese Frage stellen. 

In Indonesien oder Malaysia gehört der Islam völlig zur Identität des Moslems. Malaye und Moslem zu sein, ist für ihn fast das gleiche. Er empfindet den Islam nicht als eine Art Kolonialismus - obwohl es Kolonialismus war. Ein malaysischer Christ dagegen wird immer als ein Produkt des Westens betrachtet. In vielen außereuropäischen Ländern hat es das Christentum nicht vermocht, sich mit der einheimischen Kultur so in Verbindung zu bringen, daß es immanenter, natürlicher Bestandteil der Identität wurde. Heute fragen die Menschen neu nach ihrer Identität, und das ist eine Frage, die uns noch zu schaffen machen wird.  

5. Ich bin davon überzeugt, daß wir kontextuelle Theologie nur in kulturübergreifender Weise erarbeiten können. Vom Ansatz her war das zwar immer schon klar. Kontextuelle Theologie darf nicht im eigenen Kontext steckenbleiben, sondern muß den eigenen Kontext verlassen, in einen anderen wechseln und den eigenen Kontext von dort beleuchten. Mir scheint, wenn das Christentum überhaupt überleben will, dann müssen wir aus unserer Kleinkariertheit, unserem Provinzialismus heraus und endlich ein Gefühl dafür entwickeln, daß wir wirklich zum Leib Christi gehören, der weltumspannend ist - und dies nicht als eine Art koloniale Idee und nicht nur in systematischen theologischen Abhandlungen, sondern in der Praxis. 

Das Christentum ist in den letzten 2000 Jahren gescheitert, aber das bevorstehende Jahr 2000 ist ein guter Anlaß umzudenken. Etwas überspitzt gesagt: Die Kirche war der einzige multinationale Konzern weltweit seit 2000 Jahren, und wir haben überhaupt nichts daraus gemacht. Die Wirtschaftswelt hat innerhalb von 20 Jahren - nicht immer zum Positiven - das Gesicht der Erde verwandelt, indem sie die nationalen Grenzen überwunden und sich internationalisiert hat. Meiner Überzeugung nach kann die Kirche nur dann überleben, wenn sie im ständigen weltweiten Austausch steht. Dazu braucht sie eine neue Infrastruktur. Das muß gewollt und gewagt sein. 

6. Ein letztes Thema: Der Ost-West-Konflikt ist vorbei, doch viel gefährlicher ist das Nord-Süd-Gefälle, die heute wichtigste Frage. Ich tendiere inzwischen dazu, auch den israelisch-palästinensischen Konflikt in diesem Zusammenhang zu deuten. Sie brauchen nur durch den Check-Point zu gehen, und sie wissen ganz klar: Sie verlassen jetzt ein Land der ,Ersten Welt` und kommen in ein Land der ,Dritten Welt`. 

Wenn sie sehen, wie unsere Arbeiter an den Check-Points behandelt und oft nicht durchgelassen werden, ist das ähnlich wie Europas Umgang mit Gastarbeitern. Daß in den siebziger Jahren so viele Palästinenser in Israel gearbeitet haben, gehörte zum damaligen Kontext: Damals wurden wir gebraucht. Der Konflikt muß auch uns theologisch Denkenden zu schaffen machen. Aber wir haben bis jetzt theologisch kaum über unser Verhältnis zur Ökonomie nachgedacht. Wir haben meistens prophetisch gesprochen und Visionen über eine gerechtere Welt entwickelt, aber wir haben nicht darüber nachgedacht, wie man diese Visionen eigentlich umsetzen kann.  

Ich glaube, daß wir bis jetzt ein verkehrtes Verhältnis zur Ökonomie haben. Gerechtere Strukturen nicht nur zu träumen, sondern aufzubauen, gehört unbedingt zu den Auswirkungen der Predigt vom Reich Gottes. Dies ist ein Grundproblem des Visionärs: Wir haben immer so getan, als sei der Himmel auf Erden erreichbar. Wie aber können wir an Strukturen arbeiten?  


P a l ä s t i n a . . . als Thema in AMOS 

- 1996 in Heft 2 (Kreuzzüge ins `Heilige Land') 
- 1996 in den Heften 3 + 4  
- 1997 in den Heften 3 + 4   
  



P a l ä s t i n a . . . Kontakt wegen Material und ggf. Mitarbeit  
  
K o n t a k t n e t z  P a l ä s t i n a  

Volker Kuhlemann - Fon: o5223-71416 - Fax o5223-75121  
An der Stiftskirche 13 - 32278 Kirchlengern 

     
    Autoreninfo: 

Dr. Mitri Raheb ist seit 1988 Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, die zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien - und Palästina - gehört. Er hat in Deutschland studiert und promoviert. Inzwischen sind eine Reihe von Aufsätzen von ihm veröffentlicht - sowie folgende Bücher in deutscher Sprache: 
 
- Mitri Raheb 
Das reformatorische Erbe unter den Palästinensern  
Zur Entstehung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien 
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 199o 

- Mitri Raheb 
Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel, 
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1994 

- Ulrike Bechmann / Mitri Raheb (Hrsg.) 
Verwurzelt im Heiligen Land. Einführung in das palästinensische Christentum, 
Verlag Josef Knecht, frankfurt a.M. 1995 
 

   
 
 
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