30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Viola Raheb / 
Ute Hüttmann
Quelle: AMOS 4 / 1997
Titel: Wohnen in Bethlehem `97
 
 
   
 
Viola Raheb / Ute Hüttmann
 
Wohnen in Bethlehem `97
Ein `Kontaktnetz Palästina' in Westfalen wurde gegründet (s.S.5), und die palästinensische Erziehungswissenschaftlerin und Theologin Viola Raheb aus Bethlehem sprach als Gastreferentin bei der Gründungsversammlung. Der hier abgedruckte Beitrag folgt - ähnlich einem Protokoll - ihrer Rede.  
     
    Was geht vor im Lande Palästina? Deprimierendes, also: nichts grundsätzlich Neues.

Zum neuesten Einfall Netanyahus 

Netanyahus vager Vorschlag eines israelischen Teilabzugs von 7 - 8 % aus der B-Zone der Westbank löste allseits Verwirrung aus: Bei der Abstimmung auf israelischer Seite fand sich - trotz Enthaltungen - eine Mehrheit. Für die palästinensische Seite war dieser Vorschlag unannehmbar, denn nach Oslo II hätte die B-Zone schon seit einem Jahr A-Zone, die C-Zone hätte B-Zone sein müssen! Eine Zustimmung der Autonomiebehörde hätte innenpolitische Unruhen erzeugt. 

Worüber N. nicht reden will, weil alles so bleiben soll: über den Status von Jerusalem - und auch nicht über die Flüchtlinge. Das heißt, er will überhaupt nicht reden. Er will die Durchsetzung eines Apartheid-Systems: Etwa 8o % der Westbank verbleiben bei Israel - und die restlichen 15 - 2o % der Westbank - geographisch, wirtschaftlich in voneinander getrennten Regionen - unter palästinensischer Verwaltung. In diesen ca. 2o % sollen mindestens 6o - 7o % der Millionen Menschen der Westbank beheimatet werden. Israels Interesse: Viele Menschen loswerden - und wenig Land abgeben!

Wirtschaftlich gibt es für die PalästinenserInnen - außer im Tourismus- oder Dienstleistungsbereich - keine Perspektive zum Geldverdienen. Wie es z.B. im Tourismus aussieht: siehe Bethlehem! 

In Bethlehem 

Bethlehem gehört zu den palästinensischen Städten, die unter besonderem Druck durch Israel stehen: Die Abriegelung stoppt mehr als anderswo den Warenverkehr und weite Teile der Ökonomie; sie führt zu verschärften Aus-/Einreisekonflikten - und dazu, daß immer wieder Palästinenser an der Grenze erschossen werden.

D i e T ö t u n g e i n e s F l ü c h t l i n g s k i n d e s in der Nähe von Rahels Grab ging durch alle Zeitungen: Hier, in der Zone C, entsteht ein riesiger Neubau für die strategische Administration Israels. Nach dem 1. Bauabschnitt gab das israelische Verteidigungsministerium dort die Sicherheitsstufe 1 bekannt: Vom Hotel Paradise bis zum Checkpoint der Zonen A + B + C ist alles geschlossen. 

Der 7jährige Flüchtlingsjunge wollte in der Nähe etwas kaufen. Es wurde mit scharfer Munition ohne Warnschuß aus 15 m Entfernung direkt auf ihn geschossen: Die Sicherheit sei durch ihn bedroht worden. 

Der Krankenwagen mit dem schwerverletzten Jungen durfte nicht nach Bethlehem, mußte warten wegen eines Aufmarschs von Siedlern. Das Krankenhaus H. im Westteil Jerusalems lehnte seine Aufnahme ab. Im Krankenhaus im Ostteil konnte man ihm nicht genügend helfen. Er sollte nach Ramallah. Die Friedensbewegung erzwang dann doch seine Aufnahme in das Krankenhaus H. im Westteil Jerusalems. Aber nach diesen Stunden ohne lebensrettende ärztliche Hilfe lag das Kind schon im Koma. Es starb. 

Es ist sehr schwer, in diesem Land zu leben und nicht zu hassen. Trotz alledem haben die Eltern dieses Kindes nach seinem Tod seine Organe als Organspende freigegeben. Wer weiß, daß Transplantationen bisher weder zum medizinischen Standard noch zur palästinensischen Kultur gehören - und daß in diesem Fall ein Ausnahme-Dispens erteilt werden mußte -, kann ermessen, was diese Spende für die Familie bedeutet. Israelische Politiker konnten dies wohl nicht, denn sie kamen nach Bethlehem und boten der Familie als Dank Geld an: ein Kaufpreis... 

T ö t u n g e i n e s j u n g e n M a n n e s : Am 26. November fuhren zwei junge Palästinenser von Jerusalem nach Bethlehem, der eine hatte einen US-amerikanischen, der andere einen lateinamerikanischen Paß. Am Checkpoint sagten sie `Guten Abend', wurden durchgelassen. 5o m weiter wurden vom Checkpoint aus 36 Schüsse auf sie abgegeben. Der eine junge Mann wurde getötet, der andere schwer verletzt. 

E n t e i g n u n g e n : Der Minister für Infrastrukturpolitik, Scharon, hat einen Plan für neue Enteignungen 

im Norden und im Süden der Westbank vorgelegt: In der Gegend von Hebron soll der Siedlungsgürtel, der sich dicht an dicht wie eine Kette von Festungen durch das ganze Land zieht, erweitert werden. In Hebron selbst sollen die 4oo Siedler mitten in der A-Zone über den Dächern der palästinensischen Bevölkerung in der Altstadt Verstärkung bekommen: 1.ooo Siedler sollen dort wohnen mitsamt dem Personal, das sie vor den Palästinensern bewachen soll. Üblich ist: Ein Siedler wird von 4 Soldaten gesichert.

H a r H o m a / D s c h e b e l A b u G h n e i m : Der Bau an der Mammutsiedlung nahe Bethlehem und Jerusalem geht weiter: Trotz weltweiter Proteste werden dort 6.ooo Wohneinheiten entstehen, 2.5oo Hotelzimmer und Tourismuseinrichtungen. Welche Chance haben dann noch die palästinensischen Versuche, den bereits begonnenen -qualitativ anderen - Tourismus (etwa im palästinensischen Bethlehem) auszubauen als eigene Existenzquelle? 

Die Eile beim Faktenschaffen - es sind kaum noch Bäume auf dem ehemals bewaldeten Hügel - ist erschreckend. 

Wie wenig ist man hier in Deutschland informiert! Wen sollte es denn auch kümmern, daß z.B. dort eine griechisch-orthodoxe Kirche ausgerottet wurde? Sie war Maria gewidmet. Es heißt, auf der Flucht nach Ägypten habe sie dort Halt gemacht und aus dem Brunnen getrunken.

H o f f n u n g s l o s i g k e i t : Die Mehrheit ist deprimiert - und ohne Hoffnung, noch zu ihren Lebzeiten Frieden zu spüren. Besonders bei der jungen Generation, die keine Perspektive im Land findet, wächst der Auswanderungswille. Es ist zwar so, daß da schon immer welche weggegangen sind, weggegangen wurden, besonders aus Städten wie Bethlehem - und in der ganzen Welt verstreut leben. Doch die neue Auswanderungsbewegung hat andere Dimensionen: Es gehen viele aus den ländlichen Gebieten (z.B. aus Beit Sahour), von denen es heißt: ,,Wenn sogar die schon auswandern, dann können wir doch alle nur noch die Sachen packen. Wozu sich noch engagieren? Jetzt reichts... ``

Ein `Kontaktnetz Palästina' - gegen die Resignation

Für uns ist das neue `Kontaktnetz Palästina' wichtig - besonders auch, weil es aus dem kirchlichen Bereich kommt. Bisher kamen wir dort kaum vor; ein Begriff von Hans-Jürgen Abromeit, wir palästinensischen ChristInnen seien die `vergessenen Geschwister', beschreibt sehr gut unsere Gefühle. Politisch können wir - aus bekannten Gründen - nicht viel von Deutschland erwarten. Umso dankbarer sind wir für die Kontakte zwischen den Menschen an der christlichen Basis. Vielleicht kommt die Zeit, daß kirchliche Kontakte endlich auch einmal uns palästinensische Christinnen und Christen meinen - und nicht nur immer an uns vorbeigehen, hin zur jüdischen, israelischen Seite. Bisher waren die palästinensischen christlichen Gemeinden überrumpelt worden durch den jüdisch-christlichen Dialog. Daß sich um uns kaum jemand kümmerte, verstärkte die Resignation. 

Ich wünsche mir, daß das `Kontaktnetz Palästina' die erschreckende Unwissenheit über palästinensische Realität abbauen hilft durch differenzierte Gegenöffentlichkeit. Ich wünsche mir, daß dem Land Palästina mit seinen Menschen ein Gesicht gegeben wird. 

Ich wünsche mir, daß durch solche Initiativen ein Zeichen an meine Leute kommt, daß dauerhafte, verläßliche Beziehungen entstehen können - statt der (auch vom Ökumenischen Rat der Kirchen geplanten) Jubiläums-Schlachten im Jahr 2ooo, wo alle kommen und feiern und dann wieder abziehen. 

Ich freue mich, daß ihr mit uns ein `Kontaktnetz Palästina' aufbaut - und kein `Solidaritätsnetz'. Während die Solidaritätsnetze eigentlich immer eine Einbahnstraße waren, wird ein Kontaktnetz von beiden Seiten geknüpft. Es geht nämlich - bei aller strukturell bedingten Armut in Palästina - nicht um Geld. Es geht - in Menschenwürde - um den Austausch von Erfahrungen. Und da haben wir etwas zu geben - z.B. unsere Erfahrungen im politischen, ökonomischen, kulturellen, religiösen Kontext. Letztere z.B. formulieren wir als
palästinensischen christlich-jüdischen bzw. als palästinensischen christlich-islamischen Dialog, d.h. als Theologie im palästinensischen Kontext, die auf einen Trialog hinarbeitet. Daß Menschen sich in Deutschland für diese Erfahrungen - und ihre Gründe - interessieren, ist für uns palästinensische Leute besonders wichtig in Zeiten, in denen wir an unseren eigenen Kräften zweifeln. Wie jetzt. Aber das Zweifeln dürfen wir uns nicht erlauben. Denn dann haben wir schon verzweifelt, verloren. So wünsche ich mir, daß wir gemeinsam - durch unser Kontaktnetz - neue Kräfte entdecken. 

T i p s z u m T h e m a ...

Bücher 

S. 23

Tagungen 

13.-15.2.1998 Ev. Akademie Iserlohn / Pastoralkolleg

,,Jerusalem 3ooo - Bethlehem 2ooo.

Religiöse und politische Mythen in Israel und Palästina``

27.2.-1.3.1998 Ev. Akademie Hofgeismar / Deutsch-Palästinens. Gesellschaft

,,Vergeßt Palästina``

Kontaktnetz-Anschriften 

- Volker Kuhlemann 

An der Stiftskirche 13 - 32278 Kirchlengern 

Fon: o 5223-7 14 16 - Fax: o 5223-7 51 21 

- Dr. Hans-Jürgen Abromeit 

Auf dem Tummelplatz 4 - 58239 Schwerte 

Fon: o 23o4-97 34 31 - Fax: o 2371-97 34 31 
 
 

   
 
 
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