30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Hans-Jürgen Abromeit Quelle: AMOS 4 / 1998
Titel: Die Rede von der "bleibenden Erwählung" Israels - ein zu hoher Preis für Identität. 

Die Hauptvorlage "Christen und Juden" der EKvW treibt Theologie im Vakuum.

 
 
   
 
Hans-Jürgen Abromeit 
Die Rede von der "bleibenden Erwählung" Israels - 
ein zu hoher Preis für Identität 
Die Hauptvorlage "Christen und Juden" der EKvW treibt Theologie im Vakuum
 
     
     
Die Christen haben ein Problem mit dem Judentum. Dies ist uns in Deutschland besonders grausam bewußt geworden. Warum hat in den zwölf Jahren der Barbarei von 1933 bis 1945 die Kirche nicht aufgeschrien, als staatliche Instanzen planmäßig jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger diskriminierten, ausgrenzten, mißhandelten, deportierten und schließlich liquidierten? Warum klingelten bei solcher Art von "Bruder- und Schwesternmord" nicht bei allen Christinnen und Christen die Alarmglocken? Die evangelische Kirche hat (fast) nichts unternommen, um einem solchen Diskriminieren und schließlich Morden Einhalt zu gebieten. Langsam, allzu langsam, hat sich Erkenntnis durchgesetzt. 

Die Christenheit war nicht nur zu feige, um ihre Stimme zu erheben. Das wäre menschlich verständlich, wenn auch eine Art von unterlassener Hilfeleistung. Nein, viele theologische Analysen, exegetische wie kirchengeschichtliche Arbeiten haben gezeigt: es gibt eine christliche Judenfeindschaft, die das Christentum wie ein dunkler Schatten vom Neuen Testament bis heute begleitet. Diese Antihaltung zum Judentum hat offensichtlich die Entwicklung des rassischen Antisemitismus begünstigt. Man sah wenigstens keinen Grund, ihm entgegenzutreten. Die christliche Judenfeindschaft ist eine Komponente (wahrlich nicht die einzige, aber eine wichtige) des modernen Antisemitismus geworden. 

Dieser Schatten des Christentums hat unsere christliche Identität geschädigt. Ein christlicher Glaube, der aus dem unverdienten Geschenk der Gnade Gottes in Jesus Christus nicht die Konsequenz zieht, für die Wahrung von Menschenrechten und Menschenwürde, nicht nur der eigenen, sondern gerade auch der der anderen, einzutreten, macht diese Gnade billig. "In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes." (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München 1971, 13). 

Die Identität der Kirche war und ist durch die billige Gnade nicht nur oberflächlich beschädigt, sondern zutiefst gestört. So war sie etwa im Verhältnis zum Judentum nicht mehr in der Lage, einen angemessenen Weg in Nähe und Distanz, im Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu gehen, sondern versuchte, die eigene Identität einseitig auf Kosten der Abqualifizierung des Judentums zu stärken. Die Logik war einfach: Wenn die Juden falsch liegen, dann müssen wir Christen wohl richtig liegen. Aus dem von Gott durch seine Propheten seinem Volk je und je angedrohten Gericht wurde so eine Verwerfungslehre, die das Unheil über Israel festschrieb und dem biblischen Zeugnis mit seinen Hoffnungsperspektiven (vgl. etwa Röm. 11,25-32) nicht gerecht wurde.

Die Shoa, die massenweise, generalstabsmäßig geplante Judenermordung durch staatliche deutsche Organe, führte eine Situation herbei, die die Notwendigkeit der Aufarbeitung der christlichen Identität offenkundig machte. Die, die mit Ernst Christen sein wollen, mußten sich unterlassener Hilfeleistung bezichtigen lassen. Damit ihnen darüber hinaus der Vorwurf der geistigen Beihilfe zum Judenmord erspart blieb, fühlten sich viele verpflichtet, die Treue Gottes zu seinem Volk zu betonen und sprachen deswegen ¾ ebenso undialektisch wie vorher über die Verwerfung Israels ¾ nun von der bleibenden Erwählung Israels. Die Logik lautet: Wenn der Schatten der christlichen Identität an der Rede von der Verwerfung Israels offenbar wurde, dann muß als Kennzeichen der wahren Identität des Christentums die Aussage von der bleibenden Erwählung Israels gelten. 

Dreiundfünfzig Jahre nach Kriegsende ¾ reichlich spät, als eine der letzten von den evangelischen Landeskirchen ¾ legt nun die westfälische Kirche eine Hauptvorlage vor, die auf der Landessynode im November 1999 bearbeitet werden soll. Im Vorlauf sollen sich alle Presbyterien, Kreissynoden, Ämter und Werke dazu äußern. 

Versuch, die christliche Identität wiederherzustellen: 

die Hauptvorlage "Christen und Juden" 1999

Schon der Titel der Hauptvorlage sagt programmatisch, wenn auch mit einem verstümmelten Zitat: "Gott hat sein Volk nicht verstoßen" (Röm. 11,2). Die Hauptvorlage hat drei Teile mit den Bezeichnungen: ,,Bestandsaufnahme``, ,,Theologische Vergewisserung``, ,,Konsequenzen ``.

Die "Bestandsaufnahme" ist mit 30 Seiten sehr umfangreich, wird aber gleichwohl ihrem Titel nicht gerecht. Sie spart zum Beispiel die ansonsten im jüdisch-christlichen Dialog häufig diskutierte Bedeutung des Landes und des Staates Israel bewußt aus. Im Unterabsatz: "Israel im ökumenischen Gespräch" werden die Kirchen des Nahen Ostens mit ihrer israelkritischen Haltung bewußt übergangen; die evangelischen Kirchen der Region und ihre profilierten Theologen wie Naim Ateek, Mitri Raheb, Jedalla Shehade oder den Bischof, Munib Younan, will man nicht anhören. Ein ökumenisches Gespräch, in dem man den der eigenen Tradition am nächsten stehenden Gesprächspartner, dessen Ansichten einem nicht gefallen, bewußt ignoriert, ist ein sehr fragwürdiger Dialog ist.

Der zentrale zweite Teil der Hauptvorlage, die "Theologische Vergewisserung", ist umfangmäßig der kürzeste Teil und zerfällt in sich in zwei parallele Durchgänge unter der Überschrift: "Kirche Jesu Christi im Angesicht Israels", die einmal als "theologische Einsichten", das andere Mal als "biblische Orientierung" dargeboten werden. Während der erste der beiden Unterteile theologisch weit ausholt, eine biblisch verantwortete und systematisch reflektierte Lehre vom Verhältnis Kirche und Israel darstellt, akzentuiert der zweite Unterteil lediglich einige bei den Experten des jüdisch-christlichen Dialogs bisher herausgearbeitete und oft betonte Sonderlehren. Das, was "Erwählung" ist, wird nicht erklärt. Es wird offensichtlich vorausgesetzt. Das ist allerdings ausgesprochen bedauerlich, denn auf dem Theologumenon von der Erwählung beruhen in der Hauptvorlage wichtige Aussagen. So wird etwa im Zusammenhang der Auslegung von Römer 11,28f behauptet: "Kommt Israel in den Blick, ist der am Ende entscheidende Gesichtspunkt nicht das Evangelium von Jesus Christus, sondern die Erwählung" (S. 44). So wenig diese Entgegensetzung von christlichem Evangelium und Erwählung biblisch begründet und theologisch verantwortet werden kann, so stark ist die tragende Rolle dieser These im zweiten Teil des theologischen Hauptteils und im Kapitel "Konsequenzen". Hinter einem solchen Denken verbirgt sich eine Ekklesiologie, die im Anschluß an Franz Rosenzweig mit einer Zwei-Wege-Theorie arbeitet. Danach hat Jesus Christus eine Bedeutung nur für die Menschen aus der Völkerwelt, die sogenannten Heiden. Theologisch ist er für das jüdische Volk bedeutungslos. Denn die Juden sind schon beim Vater. Christus hat lediglich die Aufgabe übernommen, durch seine Verkündigung die Menschen aus der Völkerwelt an das Heilshandeln Gottes in Israel heranzuführen. 

Im dritten Hauptteil, den "Konsequenzen" , fordert die Hauptvorlage, die Grundartikel der westfälischen Kirchenordnung -und damit die Bekenntnisgrundlage - zu verändern, auf jegliches Zeugnis gegenüber Juden zu verzichten, auf diesem Hintergrund die liturgische und religionspädagogische Praxis der Kirche zu verändern und schließlich "Folgerungen für die Kirche in ihrem politischen Handeln" zu ziehen. Schließlich soll auch die theologische Ausbildung entsprechend verändert werden. In all dem nimmt das Stichwort von der "bleibenden Erwählung" eine zentrale Stellung ein.

Die Implikationen der Formel von der "bleibenden Erwählung"

Es ist theologisch illegitim und unverantwortlich, so undifferenziert von einer "bleibenden Erwählung" zu sprechen. Die Mitte der alttestamentlichen Erwählungsaussagen finden wir im 5. Buch Mose und der von ihm abhängigen, weite Teile der hebräischen Bibel, unseres Alten Testamentes, bestimmenden deuteronomischen Theologie. Diese Art von Erwählungstheologie ist durchgängig verbunden mit der Verheißung des Landes Israel und dem schauerlichen Gebot der Totalvernichtung all der Völker, die bisher das Land bewohnen. So ist nach 5. Mose 7 (vgl. Vers 1 und 6f) die Aufforderung zum Genozid, die Verwerfung der Nichtisraeliten im Lande Kanaan, der Schatten der Erwählung Israels durch Gott. "Das Gebot der Vernichtung aller kanaanäischen Völker durch den heiligen Bann, das Verbot, ihnen Verträge zu gewähren und sich mit ihnen zu verschwägern, haben ihren Grund in der Erwählung zum Eigentumsvolk aus allen Völkern" (Horst Seebaß, TRE Band 10, 186). Allerdings gibt es im Alten Testament, besonders in der prophetischen Tradition, ganz andere, Israel in die Verantwortung nehmende Redeweisen von Erwählung: "Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, darum will ich auch an euch heimsuchen all eure Sünde" (Amos 3,2). Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die deuterojesajanische Rede von Erwählung, nach der die Funktion der Erwählung Israels darin liegt, Recht und Gottes Erkenntnis in die Völkerwelt hineinzutragen (vgl. Jesaja 41,8ff mit 42,1, 49,6). Eine nichtfunktionale Rede von Erwählung, die das Mißverständnis des bloßen Heilsbesitzes nahelegt, ist theologisch illegitim. Die Wahrheit der Erwählung entscheidet sich an der Funktion, zu der Israel erwählt ist. 

Alttestamentler haben darauf hingewiesen, daß der christliche Antijudaismus nichts anderes ist als ein Spiegel für den alttestamentlichen Haß gegen die Kanaanäer (vgl. Othmar Keel, Der zu hohe Preis der Identität oder von den schmerzlichen Beziehungen zwischen Christen, Judentum und kanaanäischer Religion; in: Ugarit. Ein ostmediteranes Kulturzentrum im alten Orient, Hg. M. Dietrich/O. Loretz, Münster 1994). Offensichtlich braucht die Rede von der Erwählung die kritische theologische Prüfung. Sie darf nicht undialektisch gebraucht werden. Gott erwählt und ruft zur Verantwortung. Er bleibt auch in seinem Erwählen souverän. Aus dem Akt und dem Prozeß der Gnadenwahl Gottes wird in der Hauptvorlage eine dogmatische, für alle Zeiten gültige Feststellung gemacht, die sogar in den Grundartikeln der westfälischen Kirche verankert werden soll. Während die Bibel die Rede von Erwählung gebraucht, um zu trösten oder zu ermahnen, verfestigt sich in der Hauptvorlage die Rede von der Erwählung zu einer onthologischen Zustandsbeschreibung. Das Erwählen Gottes ist aber ein Prozeß. Der Vogel ist im Flug. Da das Eschaton noch nicht eingetreten ist, läßt sich von dem Erwählen Gottes nicht verobjektivierend oder verdinglichend reden. Weder Israel noch die Kirche kann für sich die Erwählung in der Weise des Habens und Besitzens in Anspruch nehmen. Das Erwählen Gottes markiert ¾ darauf haben die Propheten und Jesus hingewiesen ¾ Zuspruch und Anspruch in einem. Es ist eine der Hauptaufgaben der Prophetie, vor der Glaubenssicherheit der Erwählung zu warnen. Selbstverständlich gilt dieser Ruf zu Umkehr und Buße der Kirche genauso wie Israel. Auch die christliche Kirche hat gegenüber dem lebendigen Gott keine sichere Position, in der sie sich in satter Selbstzufriedenheit zurückziehen könnte. Zuspruch der Gnade Gottes und Inanspruchnahme durch Gott gehören zusammen. Auch die Kirche steht unter diesem letzten Ernst Gottes und sieht sich seiner Heimsuchung ausgeliefert. In diesem Sinne heißt es schon im ersten Petrusbrief 4,17: "Denn es ist Zeit, daß anfange das Gericht an dem Haus Gottes." Die Geschichte Gottes mit uns Menschen ist noch nicht zu Ende. Wir stehen in einem Prozeß, in dem er uns seiner Liebe vergewissert. Am Ende wird die Liebe Gottes siegen (vgl. Röm. 11,32-36). "In der Sichtweise des Apostels ist die Erwählung von ganz Israel nicht gegenwärtiger Realzustand, sondern eschatologische Perspektive" (Johannes Grashoff, Deutsches Pfarrerblatt 1995). Vollends schwierig wird es, wenn aus solchen noch unabgeschlossenen eschatologischen Prozessen für die Gegenwart politische Folgerungen gezogen werden. 

Theologie im Vakuum 

Obwohl die Hauptvorlage im Schlußkapitel der "Konsequenzen" ausführlich über die politischen Folgerungen für die Kirche nachdenkt und zu insgesamt lobenswerten und zu beherzigenden Einsichten kommt, warnt sie gerade in diesem Zusammenhang davor, im israelisch-palästinensischen Konflikt Partei für die Palästinenser zu ergreifen. Vielmehr sieht "die Kirche ihre besondere Verantwortung für die Integrität, die Unanstastbarkeit jüdischen Lebens" (S. 79). 

Menschenrechte sind allerdings nicht teilbar. Gerade weil das Versagen im Nichteintreten für die Menschenrechte der jüdischen Mitbürger in Deutschland in der Zeit von 1933 ¾ 1945 noch wie eine schmerzende Wunde in unserem Körper brennt, darf die heutige evangelische Kirche nicht schweigen zu systematischen, von der israelischen Regierung geduldeten und zum Teil sogar bewußt herbeigeführten Verletzungen der Menschenrechte von Palästinenserinnen und Palästinensern. Folter, Mißhandlungen, Rechtsentzug, Deportationen, Zerstörung und Versiegelung von Häusern, Sippenbestrafung, Landenteignung, Entzug der Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit und die Tötung und Mißhandlung von Kindern sind weltweit bekannte massive Maßnahmen der israelischen Regierung. Wer sich dazu nicht äußert, beginnt einen neuen Weg der Schuld - heute. Immerhin schließt der konziliare Weg der Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung unser unteilbares Eintreten für die Menschenrechte ein. 

Auf Grund der einseitigen Betonung der Verbundenheit mit Israel übergeht die Hauptvorlage bewußt die ökumenische Verantwortung für die Christen in der arabischen Welt, besonders für die palästinensischen Christen. Sie ist in diesem Sinne ein weiteres trauriges Beispiel, wie evangelische Christen versuchen, Schuld an Israel abzubauen, indem sie sich mitschuldig machen an der Verneinung der Existenz des palästinensischen Volkes. Wir wissen, daß das jüdische Volk - in der es in seiner Existenz bedrohenden Shoa, herbeigeführt durch deutsche Täter - keinen Anwalt und keine Zuflucht in der Welt hatte und deswegen ein jüdischer Staat, der Staat Israel, als einzige Heimat auf dieser Erde von fast allen Juden empfunden wird. Gerade weil wir dies wissen, können wir als evangelische Christen aus Deutschland in unserer Verbundenheit zum jüdischen Volk nicht anders, als unsere Gesellschaft und unsere Gemeinden an unsere christliche Mitschuld an der Shoa zu erinnern und die daraus erwachsene Verantwortung aufzuzeigen. Wir haben in den letzten Jahren ¾ nicht zuletzt durch die Stimme der christlichen Palästinenser ¾ lernen müssen, daß diese Verantwortung Israel und dem palästinensischen Volk gilt. Weil das jüdische Volk eine Heimat brauchte, ist das andere in diesem Land lebende Volk der Palästinenser in die Heimatlosigkeit gestoßen worden. Auf Dauer wird Israel nur in Sicherheit leben können, wenn für die Palästinenserfrage eine Lösung gefunden wird. Ohne das Selbstbestimmungsrecht beider Völker zu achten, wird es keinen Ausweg aus der blutigen Geschichte der letzten 70 Jahre geben. Wohl und Wehe Israels ist an das Wohl und Wehe des palästinensischen Volkes geknüpft. Zu Recht ist in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren eine "doppelte Solidarität" (Weltgebetstag der Frauen 1994) gefordert worden. 

Der Gebrauch des Stichwortes "doppelte Solidarität" setzt voraus, daß selbstverständlich keine totale Identifikation mit der einen oder anderen Seite gemeint sein kann. Sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite gibt es Extrempositionen, auf die auch Freunde nicht mit Solidarität, sondern mit Widerspruch reagieren müssen. Insofern ist doppelte Solidarität kritische Solidarität. Ihr Maßstab ist das, was Frieden und Gerechtigkeit fördert. Sie ist echte Solidarität, weil sie nicht erlaubt, das Existenz- und Selbstbestimmungsrecht eines der beiden Völker in Frage zu stellen und überall dort, wo es möglich und geboten ist, aktiv dafür eintritt. 

Es gilt, allen einseitigen Parteinahmen zu widerstehen, weil sie nicht Frieden und Gerechtigkeit dienen, sondern dazu beitragen, sie zu verhindern. So hat der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer schon 1976 festgestellt: "Wer nicht für beide Seiten denkt, der fördert den Krieg; den Frieden fördert nur, wer für beide Seiten denkt. Und darum gilt allerdings auch das Merkwürdige: Wer für Israel denkt, kann nicht antiarabisch sein..., sondern für Israel denken ¾ weil wir Christen mit den Juden eng verbunden sind und da wirklich eine Schuld abzutragen haben ¾ heißt, für die Araber, für die Palästinenser, dieses geschundene Volk mitzudenken und denen auch zu helfen". Jeder, der versucht, sich in den Israel-Palästina-Konflikt hineinzudenken, wird bald merken, wie kompliziert und schwer durchschaubar er ist. Die Auseinandersetzung wird nicht nur zwischen den beiden Völkern von Israelis und Palästinensern geführt, sondern geht auch quer durch sie hindurch. Trotzdem sollten auch evangelische Christen und Kirchengemeinden aus Westfalen das in ihrer Macht Stehende tun, um Frieden und Gerechtigkeit in Israel und Palästina zu fördern. Unser Beitrag sollte dabei nicht überbewertet werden, denn die Probleme sind vor Ort zu lösen. Er sollte allerdings auch nicht unterschätzt werden.

So können wir 

· Friedensinitiativen unterstützen, 

· Menschenrechtsorganisationen auf beiden Seiten fördern,

· die Erziehung der nachwachsenden Generation zu Toleranz, Verständigung und Begegnung in Schulen und Jugendarbeit durch Spenden unterstützen, 

· bei Reisen nach Israel/Palästina nicht nur archäologische und historische Stätten besuchen, sondern die Begegnung mit den heute im Lande lebenden Menschen zu suchen, um sie und ihre Probleme zu verstehen, 

· die ökumenische Gemeinschaft zu den Christen im Lande zu pflegen und sie zu ermutigen, eine Brücke zwischen den Kulturen und ein friedensfördernder Faktor zu sein, 

· für Versöhnung zwischen den verfeindeten Völkern beten.

Eines können wir auf jeden Fall nicht: hier in Deutschland in relativer Sicherheit unsere Identität klären, während drüben in Israel und Palästina Menschen auf der Strecke bleiben. Wir können nicht die ,,Palästinenserfrage`` aus unseren Überlegungen zum Verhältnis von Juden und Christen heraushalten. 
 

     
    Autoreninfo: 

Dr. theol. Hans-Jürgen Abromeit , Schwerte, ist ev. Pfarrer und arbeitet als Dozent für theologische und pastorale Grundfragen sowie als Beauftragter für PfarrerInnen-Fortbildung am Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ev. Kirche von Westfalen in Schwerte-Villigst. Seit seinem Vikariat in der Erlöser-Kirchengemeinde Jerusalem ist er in Israel/Palästina-Fragen engagiert. In diesem Zusammenhang ist er u.a. Stellv. Vors. im `Kontaktnetz Palästina. Ev. Arbeitsgemeinschaft Westfalen...' und im Vorstand des Jerusalemsvereins, dessen Vorsitz er jetzt übernommen hat. 

   
 
 
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