30 Jahre AMOS -Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet
 
Online-Debatte Thema: Palästina
Autor: Hans -Jürgen Abromeit Quelle: AMOS 3 / 1996
Titel: Israel und die Kirche Jesu Christi im palästinensischen Volk 

Probleme der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der doppelten Solidarität 
 
 

 
 
   
 
Hans Jürgen Abromeit:
Israel und die Kirche Jesu Christi im palästinensischen Volk
Probleme der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der doppelten Solidarität!
 
     Neue Israeltheologie  

Seit etwa 15 Jahren begegnen wir in größer werdenden Kreisen der Evangelischen Kirche in Deutschland einer neuen ,,Israeltheologie``. Diese Reformbewegung reicht so weit, daß eine Reihe von Landeskirchen beschlossen hat, die Grundartikel ihrer Kirchenordnungen neu zu gestalten. Auch in der westfälischen Landessynode gibt es eine solche Initiative. Zu welchen Ergebnissen wird der Diskussionsprozeß führen? Ein Blick in andere Landeskirchen ist in diesem Zusammenhang lehrreich. Schon die Tatsache, daß die Veränderungen in den Grundordnungen vorgenommen werden sollen, ist aufschlußreich. Grundartikel werden als Präambel den einzelnen Grundordnungen vorangestellt. Sie beschreiben in knappen Worten die Bekenntnisgrundlagen, auf denen die gesamte Arbeit der Kirche beruhen soll. Auf diese Grundartikel werden alle Pfarrerinnen und Pfarrer ordiniert. Die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hat auf ihrer Tagung im Dezember 1991 beschlossen, ihrem Grundartikel zwei Sätze hinzuzufügen, nämlich: ,,Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie (die Kirche) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.`` Die Evangelische Kirche der Pfalz hat im Frühjahr 1995 folgende Ergänzung beschlossen: ,,Durch ihren Herrn Jesus Christus weiß sie (die Pfälzische Landeskirche) sich hineingenommen in die Verheißungsgeschichte Gottes mit seinem ersterwählten Volk Israel - zum Heil für alle Menschen. Zur Umkehr gerufen, sucht die Versöhnung mit dem jüdischen Volk und tritt jeder Form von Judenfeindschaft entgegen.`` Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat die Kirchenordnung im Januar 1996 um folgende Formulierung ergänzt: ,,Sie (die Kirche) bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. `` Die weitreichende Bedeutung dieser Konstitutionsveränderungen wird man gar nicht überschätzen können. Wichtig sind vor allem zwei Fragen: 

1. Wie wird das Verhältnis von Kirche - Israel - Ökumene umschrieben? 

2. Welches Verständnis von Erwählung liegt der sich so aussprechenden neuen 
Israeltheologie zugrunde? 

Aus Platzgründen muß ich mich hier auf die erste Frage beschränken.  

In der Regel befindet sich in den Kirchenordnungen in der Präambel kein Hinweis auf die ökumenischen Verbindungen und die daraus wachsenden Verpflichtungen. Wenn, wie in der Kirchenordnung von Hessen und Nassau, von sieben Sätzen sich nun 2 auf Israel und seine Erwählung beziehen, so bekommt diese Aussage für das Gesamte des Grundartikels ein sehr großes Gewicht. Man geht nicht zu weit, wenn man an dieser Stelle einen bewußten Bruch mit der allgemeinen christlichen Tradition sieht. Dieser Bruch ist gewollt. Angestrebt wird eine Neuorientierung der Kirche - weg von einer vermeintlichen bisherigen Judenfeindschaft hin zu einer neuen Bejahung der Gemeinschaft mit Israel. Die ganze Betonung gilt dem ,,Volk`` Israel.  

Mehr Christen als Juden im Nahen Osten  

Ein Blick auf die Zahlen von Juden und Christen im Vorderen Orient zeigt uns die Auswirkung dieser Fokussierung des Interesses auf Israel. Obwohl im Nahen Osten gegenwärtig nur 4,51 Millionen Juden leben, aber immerhin fast 10 Millionen Christen in den verschiedenen Ländern von Ägypten über Israel, Palästina, den Libanon, Syrien und Jordanien bis hin zum Iran zu finden sind, so findet doch das Thema Israel in der kirchlichen Öffentlichkeit eine wesentlich größere Aufmerksamkeit als die Probleme der Christen in den überwiegend arabischen Ländern dieser Region. In der Regel ist im Westen die Existenz der arabischen Christengemeinden sogar unbekannt. Das gilt in besonderer Weise auch für die arabische Christenheit Palästinas.  

Aufgekündigte Gemeinschaft?  

Ich möchte die Frage stellen, ob nicht die Kirchen, die ihre Grundordnung in der ausgeführten Weise veränderten, in ihrem Bestreben, die Schoa theologisch aufzuarbeiten, paulinische Grundaussagen wie die der Gemeinschaft aller auf Jesus Christus Getauften mißachten. Paulus betont ja besonders die in Christus quer durch alle bisherigen Trennungen neu gestiftete Einheit: ,,Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid alle einer in Christus`` (Gal. 3,28; vgl. Kol. 3,11). Die Zugehörigkeit zu Christus relativiert nationale und religiöse, soziale und sexistische Unterschiede und stiftet quer zu den bisherigen Differenzen eine neue Art von Gemeinschaft. So ist die eine Kirche Jesu Christi nicht auf ein Volk beschränkt, sondern zieht Menschen aus allen Völkern in ihre Gemeinschaft hinein. Seit mehr als 150 Jahren steht die evangelische Christenheit Deutschlands mit den Christen Palästinas in Kontakt. Auf dem Hintergrund dieser langen Geschichte von Begegnung, Mission und Dialog steht die Evangelische Kirche in Deutschland heute vor der Aufgabe, diese in Christus gestiftete Gemeinschaft mit den Christen aus dem palästinensischen Volk aufrecht zu erhalten. In der folgenden Skizze möchte ich zeigen, wie die Christenheit in Deutschland dabei ist, ihre Geschwister in Palästina zu vergessen.  

,,Christen und Juden II `` 

Diese Vergeßlichkeit läßt sich gut an der Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland ,,Christen und Juden II. Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum`` von 1991 aufzeigen. Die Studie versucht in ihren Hauptteilen einmal, den bisher in der neuen Israel-Theologie erreichten Konsens zu beschreiben, um dann zum anderen einige Punkte zu benennen, an denen noch weiter gearbeitet werden muß. Der Konsens in den verschiedenen Versuchen einer Neubesinnung im Verhältnis zu Israel wird in vier Punkten näher beschrieben:  

1. Die Überwindung der Entfremdung vom Judentum wird in allen kirchlichen Äußerungen angestrebt. Damit soll jedem Antisemitismus eine klare Absage erteilt und die christliche Mitverantwortung und Schuld am Holocaust eingestanden werden.  

2. Die unlösbare Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Judentum ist heute unstrittig. Bei den Themen des Gottesverständnisses, der Bedeutung der Heiligen Schrift, des Gottesdienstes, von Gerechtigkeit und Liebe, Geschichte und Vollendung gibt es unübersehbare historische Bezüge und gegenwärtig wirksame Gemeinsamkeiten. Dagegen ist früher selbst die Tatsache, daß Jesus Jude war, oft verdrängt worden.  

3. Die Studie nennt ,,die bleibende Erwählung Israels`` als Konsens, der ,,auch angesichts seiner Ablehnung Jesu als des Messias`` festgehalten werden muß.  

4. Aufgrund des engen Zusammenhangs von der Erwählung des Volkes und der Zusage des Landes hat auch das Land Israel für das Judentum religiöse Bedeutung, ,,wobei es im Blick auf die Grenzen des Landes unterschiedliche Auffassungen gibt`` . So wird das Recht des Staates Israel, in gerechten und sicheren Grenzen zu existieren, ausdrücklich als konsensfähig in der evangelischen Christenheit hervorgehoben. Die Palästinenser werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. 

Übernahme zionistischer Ideologie  

Die Studie möchte die weitere notwendige Neuorientierung der theologischen Arbeit auf dem Weg eines erneuten Studiums der biblischen Texte suchen. Bevor aber als eigentliche Themen für die Neuorientierung der theologischen Arbeit die Christologie und das unterschiedliche Verständnis des Volk-Gottes-Begriffs bei Juden und Christen besonders herausgegriffen werden, stellt die Studie Informationen zu den Begriffen Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus voran. Allen drei Begriffen wird jedes sachliche Recht bestritten. Für Antisemitismus und Antijudaismus ist dies nachzuvollziehen. Die Kritik am Begriff Antizionismus leuchtet nicht unmittelbar ein. Dieser verkenne, ,,daß der Staat Israel sich als demokratischer Nationalstaat konstituiert, in dem nicht nur Juden Staatsbürger sein könnten, und mißdeutet die enge Zusammengehörigkeit von Religion, Volk und Land, die für das Judentum typisch ist``. Hier übernimmt die Studie unkritisch die zionistische Ideologie und prüft nicht, ob der Anspruch, im Staat Israel könnten auch Nichtjuden gleichberechtigte, in ihren demokratischen Rechten nicht eingeschränkte Bürger sein, mit Recht und Wirklichkeit übereinstimmt. Ebenso wird das Argument, Religion, Volk und Land gehörten nun einmal für das Judentum zusammen, einfach übernommen und nicht einer Prüfung unterzogen. Einen ähnlichen Zusammenhang von Religion, Bewohnern und Land behauptet auch der Islam. Für eine Lösung der Friedensprobleme und eine Möglichkeit des Zusammenlebens scheint aber gerade in dieser Behauptung eine Hauptschwierigkeit zu liegen. Die aus dem Judentum unkritisch übernommene Zusammengehörigkeit von Religion, Volk und Land wird so zu einem Dogma erklärt.  

Volk Gottes  

Die der weiteren theologischen Arbeit empfohlenen Themen sind die Christologie und die Reflexion über das Verhältnis von Juden und Christen als Volk Gottes. Ich beschränke mich auf die Erarbeitung zum Stichwort Volk Gottes. Dieser Abschnitt ist mit weitem Abstand der ausführlichste der ganzen Studie. Die Studienkommission Kirche und Judentum sieht offensichtlich bei diesem Fragenkreis einen wesentlichen Schwerpunkt der Neubesinnung zwischen Kirche und Israel. Im einzelnen werden hier wichtige exegetische Informationen zusammengetragen. Einleuchtend ist, wie das Wirken Jesu vornehmlich auf Israel als das Volk Gottes zielt. Analog zum Auftreten der alttestementlichen Propheten hat Jesus sich auf Israel konzentriert. ,,Jesu Wirken zielte nicht auf Separation, sondern auf Integration.`` Aus diesem Grunde wandte er sich auch besonders den Zöllnern und Sündern zu. Er wollte die Menschen, die sich an den Rändern des Gottesvolkes aufhielten, wieder in dieses zurückführen. Erhellend beschreibt die Studie dann den Übergang von der Juden- zur Heidenmission in der Urgemeinde und bei Paulus. Paulus, und hier vornehmlich den Kapiteln Römer 9-11, gilt das besondere Interesse. Demgegenüber werden Lukas, Matthäus und die Offenbarung des Johannes sowie die übrigen neutestamentlichen Schriften deutlich abgewertet. Mit der Ausnahme des Epheserbriefes gelten sie als ,,Zeugnisse einer wachsenden Israelvergessenheit ``. Im Grund überzeugen alle neutestamentlichen Ansätze die Mitglieder der Studienkommission der EKD nicht. Es sei notwendig zu erkennen, daß sich hinter den verschiedenen neutestamentlichen Beschreibungen ,,ein von den neutestamentlichen Zeugen zwar in seiner Tragweite erkanntes, aber noch nicht abschließend gelöstes Problem verbirgt``. Dieses Problem gelte es heute im Anschluß an Römer 9-11 zu lösen. ,,Es ist deshalb Aufgabe der christlichen Theologie, das Selbstverständnis der Kirche so zu formulieren, daß dasjenige des jüdischen Volkes dadurch nicht herabgesetzt werde.`` 

Die entscheidende Frage liegt darin, was mit dem ,,Nichtherabgesetztwerden`` näher gemeint ist. Das Ernstnehmen des Selbstverständnisses des jüdischen Gesprächspartners ist aus der Situation des jüdisch-christlichen Dialogs selbstverständlich. In der Studie ,,Christen und Juden II`` wird es allerdings zum Leisten gemacht, über den das Neue Testament insgesamt geschlagen wird. Liefert man die theologische Arbeit in dieser Weise an das jüdische Selbstverständnis aus, hat das Neue Testament keine Möglichkeit mehr, Akzente zu setzen, die dem heutigen jüdischen Selbstverständnis, so wie es sich am Ende des 20. Jahrhunderts ausspricht, widersprechen. 

Sicherheit als Problem  

Die auf diesen großen Abschnitt folgende ,,Information: Land und Staat Israel`` ist insofern eine Desinformation, weil sie wiederum die Palästinenser nicht erwähnt und auch andere wichtige Faktoren, die man zur Beurteilung der Lage in Land und Staat Israel heute benötigt, verschweigt. Ist es etwa legitim, die Sicherungsfunktion des Staates Israel als Zufluchtsort für Juden aus aller Welt zu betonen, ohne die verunsichernde Wirkung auf die anderen Bewohner des Landes überhaupt zu erwähnen? Hat die Sicherheit von Juden eine höhere Legitimität als die von Palästinensern? Bedingen sich die Sicherheiten nicht vielmehr gegenseitig? Die Studie ist ganz allgemein mit dem Titel ,,Christen und Juden. Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum `` überschrieben. Sie hätte nicht dermaßen fundamentale Fakten und ihre theologische Bedeutung übersehen können, wenn in ihrem Vorbereitungsprozeß palästinensische Christen mit einbezogen worden wären.  

Kritik an der palästinensischen Befreiungstheologie  

Während jüdische Gesprächspartner die Studienkommission permanent beraten haben, wurden christliche Palästinenser im Vorbereitungsprozeß der Studie nicht konsultiert. Aber sie haben auf die veröffentlichte Studie reagiert. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Klaus Engelhardt, berichtete anläßlich der Synode der EKD im November 1992 von seiner ersten ökumenischen Besuchsreise nach Israel und Palästina im April desselben Jahres: ,,Wir wurden auch mit der Situation der Palästinenser konfrontiert. In Bethlehem wurden uns Erfahrungen von Entwürdigung und Erniedrigung in den besetzten Gebieten berichtet. Palästinensische Kirchenführer haben uns sehr kritisch auf die neue EKD-Studie ,,Christen und Juden II`` angesprochen. Wir müssen sie stärker in diesen Dialog einbeziehen. Ein wichtiges Thema wird dabei die Auseinandersetzung mit einer, wie ich meine, theologisch-problematischen palästinensischen Befreiungstheologie sein. `` Bischof Engelhardt benennt vor der Synode in dieser kurzen Notiz zwar nicht die Einwände der palästinensischen Christen gegen die EKD-Studie, bezeichnet aber die palästinensische Befreiungstheologie als ganze als theologisch problematisch, ohne auch nur mit einem einzigen Stichwort ihr eigentliches Anliegen zu charakterisieren. Wenigstens die Schlußfolgerung, die palästinensischen Christen müßten stärker in den Dialog zwischen Christen und Juden in Deutschland einbezogen werden, könnte hoffnungsvoll stimmen. Aber was heißt hier stärker? Sind palästinensische Christen schon jemals von der Studienkommission ,,Kirche und Judentum`` gehört worden? Hat diese Einbeziehung in den Dialog seit dem Herbst 1992, also seit vier Jahren, stattgefunden? Das Nichterwähnen des Israel-Palästina-Konfliktes, das Verschweigen des legitimen Anspruchs der Palästinenser auf einen eigenen Staat, das Ignorieren der massiven Menschenrechtsverletzungen und das Übergehen der auch schon 1991 vierundzwanzig Jahre andauernden völkerrechtlich illegalen Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens und die willkürliche Annektion der Golanhöhen und Ostjerusalems kann nicht zufällig sein. Man erweckt so den Eindruck, als sei dies theologisch für eine aktuelle Bestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden nicht relevant. Hier öffnet sich in der Schrift ,,Christen und Juden II`` eine palästinensische Lücke.  

Palästinenser im Abseits  

Das Vergessen der Palästinenser in der Studie von 1991 schmerzt umso mehr, als sich das palästinensische Volk in diesem Jahr in einer extrem dramatischen Situation befunden hat. Gewiß ist als eine der Ursachen das ungeschickte Verhalten von Jassir Arafat während des zweiten Golfkrieges zu nennen. Gleichzeitig ist aber auch daran zu erinnern, daß die damalige Rechtsregierung unter Yitzhak Schamir und Arik Scharon alles ihr Mögliche dazu getan hat, Palästinenser zur Auswanderung zu bewegen, ihre Lebensmöglichkeiten dermaßen zu verschlechtern, daß möglichst viele aus dem Lande herausgedrängt wurden, und eine Stimmung zu erzeugen, die in der israelischen Bevölkerung eine Mehrheit für eine sogenannte Transferlösung des Palästinenserproblems hervorbringen sollte. In der Tat haben demographische Erhebungen im Jahre 1991 diese Mehrheit für die sogenannte Transferlösung, d.h. also die Vertreibung der weitaus überwiegenden Mehrheit der im Lande lebenden Palästinenser, nachgewiesen. Die Situation der Palästinenser war somit im Jahre 1991 ausgesprochen kritisch.Die christlichen Palästinenser hatten noch in zugespitzter Form unter der Eskalation zu leiden. 

Enttäuschte Erwartungen  

Als dann bekannt wurde, daß die Evangelische Mittel-Ost-Kommission (EMOK), eine Organisation, die alle evangelischen Organisationen umfaßt, die in Israel-Palästina und seinen Nachbarländern tätig sind und in der auch die EKD vertreten ist, seit 1990 an einer Studie über Menschenrechtsverletzungen und Perspektiven der Friedensförderung arbeitete, richtete sich die Hoffnung interessierter Kreise darauf, daß der Rat der EKD durch die Annahme einer solchen Studie die entstandene palästinensische Lücke schließen könnte. Zwar lag die EMOK-Studie theologisch durchaus auf der gleichen Linie wie die Studie ,,Christen und Juden II`` , was sich etwa auch daran zeigte, daß sie mehrfach ausdrücklich verbietet, die Palästinenser als ,,Opfer der Opfer `` zu bezeichnen, weil damit eine Analogie zwischen der nationalsozialistischen Politik und der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern suggeriert würde. Das Neue an der EMOK-Studie war allerdings, daß sie von vornherein von der Anerkennung des Lebens- und Selbstbestimmungsrechtes der beiden Völker, des jüdisch-israelischen und des arabisch-palästinensischen, ausgeht. Vorher hatte die Kommission für Kirche und Judentum der EKD erst ein einziges Mal, nämlich 1976, in der Auseinandersetzung mit dem Vorwurf der UNO, Zionismus sei Rassismus, auf die Notwendigkeit hingewiesen, daß neben dem Staat Israel auch das palästinensische Volk die Möglichkeit erhalten muß, ,,sein Recht auf Selbstbestimmung und Staatlichkeit auszuüben und seine Identität in Freiheit zu gestalten. Dazu braucht es einen garantierten und von den Palästinensern als Heimat auch angenommenen Lebensraum im Nahen Osten.`` 1991 hat sich die EKD in dieser Deutlichkeit nicht mehr äußern können. Aber auch die in die EMOK-Studie gesetzten Erwartungen wurden enttäuscht. Der Rat der EKD war nicht bereit, diese Studie in irgendeiner Weise anzunehmen, ja, die Mehrheit der EMOK selbst hat sie schließlich nicht akzeptiert. Die in ihr dokumentierten Menschenrechtsverletzungen durch Israel und die repressive Besatzungspolitik sollten wohl nicht in einer offiziellen kirchlichen Stellungnahme erscheinen. So wurde diese Studie 1994 unter dem Titel ,,Der schwierige Weg zum Frieden. Der israelisch-arabisch-palästinensische Konflikt. Hintergründe, Positionen und Perspektiven`` unter dem Namen der 14 Verfasser veröffentlicht. Sie ist demgemäß in der deutschen Öffentlichkeit so gut wie unbeachtet geblieben. 

Zusammenfassend läßt sich darum sagen, daß die Probleme der palästinensischen Christen von der Evangelischen Kirche in Deutschland zwar wahrgenommen wurden, ihnen aber kein Gehör geschenkt worden ist. Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang nur der Weltgebetstag des Jahres 1994, der aufgrund einer von Palästinenserinnen vorgeschlagenen Liturgie in der ganzen Welt, so auch in Deutschland, gefeiert worden ist. Die durch den Weltgebetstag angeregte Diskussion hat es möglich gemacht, daß 1995 erstmalig auf einem Kirchentag (in Hamburg) ein großes Palästina-Forum stattfinden konnte. Leider ist das von mir am Beispiel der repräsentativen Studie ,,Christen und Juden II`` ausgeführte Vergessen der palästinensischen Brüder und Schwestern durch die offizielle Evangelische Kirche in Deutschland zugunsten einer Solidarität mit Israel als Volk und Staat leider kein Einzelfall. Ein Durchblick durch weitere wichtige evangelische, kirchliche und theologische Äußerungen der letzten Jahre kann dies belegen.  

Gewiß würde das Suchen nach einer Erneuerung der Theologie durch eine Gesprächsaufnahme mit den palästinensischen Christen nicht einfacher. Aber wir würden auf diese Weise ein differenziertes Instrumentarium gewinnen, um Gott und sein Handeln besser zu verstehen und über ein den Herausforderungen der Gegenwart entsprechendes christliches Handeln zu entscheiden. Dabei würde auch herauskommen, daß die Aufforderung zu einer doppelten Solidarität mit Israel und dem palästinensischen Volk wirklich zu kurz greift. Ein Christ oder eine Christin kann sich nie unbedingt an ein Volk oder einen Staat binden, auch nicht zugleich an Israel und an das Volk der Palästinenser. Vielmehr wird die Aufgabe darin liegen, als Christ oder Christin aus Deutschland mit nach Gerechtigkeit und Frieden strebenden Israelis und nach Gerechtigkeit und Frieden strebenden Palästinensern eine neue Gemeinschaft zu bilden.  

Von Viola Raheb habe ich dafür das neue Wort ,,Querschnittssolidarität`` gelernt. Diese Querschnittssolidarität wäre dann so etwas wie ein schwacher Abglanz der von Paulus in Gal. 3,28 gemeinten Einigkeit in Jesus Christus. Es wäre nicht unbedingt diese Einheit, die Christus gibt, weil die einzelnen Teilnehmer dieses Prozesses sich nicht selbst und ausdrücklich auf Christus beziehen. Aber losgelöst von Christi nationale, soziale und geschlechtliche Beschränkungen sprengenden Wirkung wäre eine solche Solidarität auch nicht. Der westfälischen Kirche ist bei ihren Beratungen zu einer möglichen Ergänzung der Kirchenordnung zu wünschen, daß sie die Verengung der Perspektive nur auf Israel nicht mitmacht und stattdessen versucht, eine solche angedeutete Querschnittssolidarität zu praktizieren. 

     
    Autoreninfo: 
Dr. theol. Hans-Jürgen Abromeit, Schwerte, ist Pfarrer im Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche von Westfalen.
   
 
 
Ihre Meinung ist gefragt!
Wenn Sie Ihre Meinung zu dieser AMOS-online-Debatte und / oder zu diesem Beitrag veröffentlichen wollen, dann können Sie dies tun, indem Sie in der nächsten Spalte "Mein Kommentar" anklicken und uns per e-mail Ihre Meinung zuschicken. Wir werden Sie dann auf dieser WWW-Seite veröffentlichen.
Mein Kommentar
    
Zurück zum Seitenbeginn
Zurück zum AMOS-Archiv
Zurück zum AMOS-Forum Palästina
Zurück zur Startseite